Von Maria Hoffmann, Pflegeexpertin bei Lumira | Zuletzt aktualisiert: März 2027
Der Pflegegrad ist die Grundvoraussetzung für alle Leistungen der Pflegekasse — ohne ihn gibt es kein Pflegegeld, keine Sachleistungen, kein Verhinderungspflegebudget. Trotzdem wissen viele Familien nicht genau, wie der Antrag funktioniert, wie man sich auf die Begutachtung vorbereitet und wann ein Widerspruch sinnvoll ist. Diese Schritt-für-Schritt-Anleitung erklärt alles — von der ersten Kontaktaufnahme bis zum rechtssicheren Bescheid.
- Antrag bei der Pflegekasse (= Krankenversicherung des Pflegebedürftigen)
- Begutachtung durch MDK (gesetzlich Versicherte) oder Medicproof (privat Versicherte)
- Bescheid innerhalb von 25 Arbeitstagen (gesetzlich)
- 5 Pflegegrade — ab 12,5 Punkten beginnt PG 1
- Widerspruch bei zu niedriger Einstufung: innerhalb 1 Monat
- Pflegetagebuch ist das stärkste Vorbereitungsmittel
Die 5 Pflegegrade: Punktwerte und Leistungen
Das Begutachtungssystem bewertet 6 Lebensbereiche mit bis zu 100 Punkten. Je höher der Pflegegrad, desto höher die Leistungen der Pflegekasse.
| Pflegegrad | Punkte | Pflegegeld/Monat | Sachleistung/Monat | Entlastungsbetrag |
|---|---|---|---|---|
| PG 1 | 12,5–26,9 | — | — | 125 € |
| PG 2 | 27–47,4 | 347 € | 761 € | 125 € |
| PG 3 | 47,5–69,9 | 599 € | 1.432 € | 125 € |
| PG 4 | 70–89,9 | 800 € | 1.778 € | 125 € |
| PG 5 | 90–100 | 990 € | 2.200 € | 125 € |
Stand 2027. Pflegegeld gilt bei häuslicher Pflege durch Angehörige. Sachleistungen für ambulante Pflegedienste.
- Modul 1 — Mobilität (max. 10 Pkt.): Positionswechsel, Fortbewegung
- Modul 2 — Kognition (max. 15 Pkt.): Orientierung, Entscheidungen
- Modul 3 — Verhaltensweisen (max. 15 Pkt.): Unruhe, Aggressivität
- Modul 4 — Selbstversorgung (max. 40 Pkt.): Waschen, Anziehen, Essen
- Modul 5 — Krankheitsbewältigung (max. 20 Pkt.): Medikamente, Verbände
- Modul 6 — Alltagsgestaltung (max. 15 Pkt.): Tagesstruktur, soziale Kontakte
Schritt 1: Den Antrag richtig stellen
Der Pflegegrad-Antrag kann formlos per Telefon oder Brief gestellt werden. Entscheidend ist das Datum des Antragseingangs bei der Pflegekasse — ab diesem Monat beginnt der Leistungsanspruch.
- Pflegekasse des Pflegebedürftigen anrufen oder schreiben: „Hiermit beantrage ich die Feststellung von Pflegebedürftigkeit."
- Name, Versicherungsnummer, Geburtsdatum des Pflegebedürftigen angeben.
- Datum und Eingang schriftlich bestätigen lassen (Sendeprotokoll Fax, Briefkopie).
- Begutachtungstermin abwarten — MDK meldet sich in der Regel telefonisch.
Der Leistungsanspruch beginnt mit dem Eingang des Antrags bei der Pflegekasse — nicht mit dem Datum der Begutachtung oder des Bescheids. Jede Woche Verzögerung bedeutet entsprechend weniger Leistungen. Im Zweifel: heute noch anrufen und Antrag telefonisch stellen.
Schritt 2: Pflegetagebuch führen und Begutachtung vorbereiten
Die Begutachtung dauert meist 30–90 Minuten. Der Gutachter stellt Fragen zu allen 6 Modulen. Wer vorbereitet ist, wird deutlich besser eingestuft.
| Maßnahme | Zeitpunkt | Warum? |
|---|---|---|
| Pflegetagebuch anlegen | sofort nach Antrag | dokumentiert Hilfebedarf lückenlos |
| Arztberichte sammeln | vor Begutachtung | medizinische Grundlage für höhere Einstufung |
| Vertrauensperson einplanen | am Begutachtungstag | Zeuge, Gedächtnisunterstützung |
| Schlechten Tag beschreiben | im Gespräch | Gutachter sieht nur einen Querschnitt — Alltag erklären |
| Nicht übertreiben | immer | nachweislich falsche Angaben können zur Ablehnung führen |
Viele Pflegebedürftige zeigen sich beim Gutachtertermin von ihrer besten Seite — aus Scham oder Stolz. Das führt zu einer zu niedrigen Einstufung. Schildern Sie aktiv, wie es an einem schlechten Tag aussieht: Woran scheitert der Betroffene ohne Hilfe? Wie lange dauert das Anziehen? Kann er alleine aufstehen?
Schritt 3: Widerspruch bei zu niedriger Einstufung
Etwa 20–30 % aller Pflegegrad-Bescheide werden zu niedrig ausgestellt. Ein Widerspruch ist häufig erfolgreich — die Quote liegt je nach Studie bei 40–50 %.
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Frist | 1 Monat nach Zustellung des Bescheids |
| Form | schriftlich, per Einschreiben empfohlen |
| Begründung | konkrete Punkte benennen: welche Einschränkungen wurden nicht berücksichtigt? |
| Unterstützung | VdK, SoVD, Pflegestützpunkt bieten kostenlose Widerspruchsberatung |
| Ergebnis | Neubegutachtung oder Überprüfung durch Widerspruchsausschuss |
| Klage | Sozialgericht als letzter Schritt möglich — keine Kosten für Kläger |
„Hiermit lege ich fristgerecht Widerspruch gegen den Bescheid vom [Datum] ein. Ich beantrage eine Neubewertung, da folgende Einschränkungen nicht ausreichend berücksichtigt wurden: [konkrete Beispiele aus dem Pflegetagebuch]. Ich beantrage die Einstufung in Pflegegrad [X]."
Häufige Fragen
Wann beginnt der Leistungsanspruch — mit dem Antrag oder dem Bescheid?
Mit dem Datum des Antragseingangs bei der Pflegekasse. Wenn Sie am 5. März 2027 einen Antrag stellen und der Bescheid am 15. April eintrifft, haben Sie Anspruch auf Leistungen ab März 2027. Deshalb: Antrag so früh wie möglich stellen, auch formlos per Telefon.
Kann ich für jemand anderen den Pflegegrad beantragen?
Ja — mit einer schriftlichen Vollmacht kann jede Person den Antrag für den Pflegebedürftigen stellen. Angehörige, Betreuer und Bevollmächtigte sind alle antragsberechtigt.
Was passiert, wenn sich der Zustand des Pflegebedürftigen verschlechtert?
Einen Höherstufungsantrag stellen. Auch hier gilt: So früh wie möglich, da der Leistungsanspruch mit dem Antragseingang beginnt. Kein neues Gutachten ohne Antrag — die Pflegekasse passt den Pflegegrad nicht automatisch an.
Was kostet die Pflegegrad-Begutachtung?
Nichts. Die Begutachtung durch den MDK oder Medicproof ist für den Pflegebedürftigen und seine Familie vollständig kostenlos. Sie wird von der Pflegekasse beauftragt und bezahlt.
Kann der Pflegegrad auch herabgestuft werden?
Ja — wenn die Pflegekasse eine Überprüfung veranlasst (z. B. nach einer Erholung oder auf Eigeninitiative), kann der Pflegegrad auch sinken. Das kommt aber selten vor. Wer einen Höherstufungsantrag stellt, riskiert theoretisch eine Herabsetzung — das tritt in der Praxis aber fast nie ein.
Pflegegrad beantragt — was kommt als Nächstes?
Mit Pflegegrad 2 oder höher haben Sie Anspruch auf Pflegegeld. Eine 24h-Betreuungskraft von Lumira kostet nach Förderungen deutlich weniger als ein Pflegeheim.
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